Beide Beine real direkt an der Hüfte amputiert ...

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Doppelt-Hüftex63
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Beide Beine real direkt an der Hüfte amputiert ...

Beitrag: # 27754Beitrag Doppelt-Hüftex63 »

Beide Beine real direkt an der Hüfte amputiert - dennoch cool drauf.

bei den derzeitigen Diskussionen hier im Forum geht´s ja gerade mal wieder viel um DAK- und Doppelhüftex-Wünsche und Vorstellungen. Ich selbst hätte sowas ja auch gerne gehabt. Im folgenden darf ich dazu ein paar Zitate von jemandem bringen der es wirklich wissen muss. Es ist Silke Naun-Bates. Manche kennen diese interessante Frau vielleicht schon aus dem I-Netz oder ihre lesenswerte Autobiographie (*.

Letzthin fand ich einen kurzen SZ-Artikel über sie, aus dem ich ein paar für uns hier bemerkenswerte Zitate für unseren Diskussionskontext wiedergeben möchte. In ihrem Interview (Hier der Link: https://www.sueddeutsche.de/leben/leben ... -1.2902768) heißt es unter anderem: (...) als Kind bin ich oft gestolpert. Die Beine sind im Weg, sagte meine Oma immer. Auf den Bahnschienen bin ich ausgerutscht und hingefallen. (...) meine Schwester rief: ‚Silke, pass auf der Zug!‘ Danach weiß ich nichts mehr. (...), bin irgendwann aufgewacht und mir war sofort alles klar. Ich wusste, was geschehen war. Ich schaute zur Bestätigung unter die Bettdecke: Meine Beine waren unterhalb der Hüfte fort. Ich erinnere mich noch, dass ich keine Angst hatte. Es war, als hätte es so sein sollen. Klingt vielleicht verrückt, doch so war es.
(...) Meine Eltern haben sich nie anmerken lassen, dass ich nicht ‚normal‘ war. Aber ich habe mich ja auch niemals unvollständig gefühlt. Und ich bin nicht der einzige Mensch mit weniger Gliedmaßen, der so empfindet. Ich habe bereits einige kennengelernt. Es ist für Menschen, deren Körper vollständig sind, oft nur schwer nachvollziehbar.
Prothesen empfand ich als Fremdkörper.
(...) In der Rehaklinik probierte ich dann auch Prothesen aus, entschloss mich jedoch, sie nicht zu nutzen. (...) Zum anderen empfand ich sie als Fremdkörper. Ich fühlte mich damit nicht wohl. Und so brachte ich mir selbst das Gehen mit den Händen bei.

(...) Manchmal sind die Reaktionen auf mich schon komisch. Gerade Frauen, die anscheinend ein Problem mit ihrem Körper haben, sind von meinem Anblick irritiert: Sie meinen, sie hätten mit ihren nicht perfekten Körpern ein Problem, einen Mann zu finden. (...) Grundsätzlich erlebe ich zwei Reaktionen: Ich motiviere Menschen, ihre Behinderung anzunehmen und ein normales Leben zu führen. Andere aber demotiviere ich. (...)

Soweit also ein paar kurze Einblicke ins Denken von jemandem, des es wirklich wissen muss, wie es ist, ohne Beine leben zu müssen. Laut ihrer Autobiographie scheint es jedenfalls so zu sein, dass es sich auch ohne jegliche Beine sehr gut leben lässt. Wenn auch manchmal mit gewissen Einschränkungen. Aber wen wundert das, ist Deutschland gerade nicht ein Musterland für gelungene Inklusion von Menschen mit Behinderungen! Aber trotzdem hört es sich für mich jedenfalls so an, dass es funktioniert und man/frau damit sogar ganz gut leben kann. Dennoch darf nichts davon beschönigt und überhöht werden. Einige hier wollen das ja sehnlichst auch so haben, wie die zitierte Dame vorhin, ich ja auch. Trotzdem bin ich so frei und frage ich mich immer wieder, angenommen es gäbe tatsächlich einen tragbaren, bezahlbaren und völlig lässigen und legalen Weg für unsereinen sich seinen innigsten BID-induzierten Wunsch umgehend erfüllen zu können, wer von uns hier würde es wirklich sofort wagen? Eine gewisse Bedenkzeit sollte abersein, oder? Es wäre wohl schon ein gänzlich anderes Leben, in das man/frau dann einsteigen würde! Vieles von dem was wir jetzt machen und können, geht dann tatsächlich nicht mehr oder nurmehr anders - andere Wohnung, anderers soziales Umfeld, andere Bekannte und Freunde, andere Partner (?), anderer Beruf (?) ... eigentlich würde das ganze gewohnte Leben umgekrempelt werden. Und nicht zuletzt, würde man/frau seinem nächststehenden menschlichen Umfeld dann "reinen Wein" einschenken und sagen, dass man freiwillig in der Amputationsklinik gewesen war? Tja, Hand auf´s Herz! Und wenn nein, warum nicht? Schließt das Thema "Scham" hier an ...

Nochmal zur Erinnerung: Für unsereinen wäre dieser Schritt aber eben „freiwillig“, wenn man BID nicht direkt als Zwangserkrankung definieren will. Ich fand und finde es zumindest immer noch oder immer wieder mal neu spannend, herausfordernd und faszinierend, mir über diesen Schritt (definitive Amputation) einer kompletten Neuaufstellung und Neubesinnung des eigenen Daseins ausgiebige Gedanken zu machen. Ich nehme mal an, dass es hier im Forum anderen ebenso geht oder ging ... Ich meine, dass es wohl schon möglich ist, als schwerkörperbehinderter Mensch mit oder in dieser Eigenschaft in eine neue Rolle zu schlüpfen und sein Leben neu aufzurollen. Dies zeigen mir ja diverse im näheren und weiteren Bekanntenkreis erlebte oder als Biographien veröffentlichte Erzählungen von Menschen, welche aufgrund eines Unfalls oder einer ernsten Erkrankung z.B. auf die Nutzung ihrer Beine wegen deren Amputation hatten verzichten müssen. Dass man daran auch scheitern kann, sollte nicht verschwiegen werden. Der feine Unterschied zu uns hier ist halt "nur", wir wollen es so, die anderen waren dazu gezwungen worden!

(*"Mein Weg in die Freiheit", Silke Naun-Bates, ISBN 9783931560454, 193 S., 1. Aufl., Sheema Medien)

Beste Grüße an alle Interessierten
Doppelt-Hüftex
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Marc
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Registriert: Mo 23. Mai 2016, 06:56

Re: Beide Beine real direkt an der Hüfte amputiert ...

Beitrag: # 27757Beitrag Marc »

Doppelt-Hüftex63 hat geschrieben: Di 17. Jan 2023, 15:01 [...]
Trotzdem bin ich so frei und frage ich mich immer wieder, angenommen es gäbe tatsächlich einen tragbaren, bezahlbaren und völlig lässigen und legalen Weg für unsereinen sich seinen innigsten BID-induzierten Wunsch umgehend erfüllen zu können, wer von uns hier würde es wirklich sofort wagen? Eine gewisse Bedenkzeit sollte abersein, oder? Es wäre wohl schon ein gänzlich anderes Leben, in das man/frau dann einsteigen würde! Vieles von dem was wir jetzt machen und können, geht dann tatsächlich nicht mehr oder nurmehr anders - andere Wohnung, anderers soziales Umfeld, andere Bekannte und Freunde, andere Partner (?), anderer Beruf (?) ... eigentlich würde das ganze gewohnte Leben umgekrempelt werden. Und nicht zuletzt, würde man/frau seinem nächststehenden menschlichen Umfeld dann "reinen Wein" einschenken und sagen, dass man freiwillig in der Amputationsklinik gewesen war? Tja, Hand auf´s Herz! Und wenn nein, warum nicht? Schließt das Thema "Scham" hier an ...
[...]
über 40 Jahre "Bedenkzeit" ist ja wohl genug, oder? ... Ich kann das "wer würde es sofort wagen?" mit sofortigem ICH beantworten ... "reinen Wein einschenken" mach ich schon lange (einen anderen Weg kommt für mich nicht in Frage) ... ich gehe zZt noch einen etwas anderen Weg um mit der Belastung umzugehen ... und wenn da die Fahnenstange erreicht ist ... gibts nur noch einen Weg
Mike
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Re: Beide Beine real direkt an der Hüfte amputiert ...

Beitrag: # 27761Beitrag Mike »

Danke für den sehr guten Beitrag Doppelt-Hüftex63.

Ich habe das Buch auch gelesen und es hat mir auch irgendwie geholfen.Wenn es einen legalen Weg geben würde meinen Wunsch umzusetzen, würde ich nicht lange zögern. Mir ist das ganze mit dem Umfeld, dass Leben ohne Beine bewusst. Ich habe mir schon zig mal überleget was wie dann sein würde. Schon nur im Rollstuhl bei Regen rauszugehen geschweige denn bei Schnee ist was anderes wenn man nicht einfach zur Haustür heraus spazieren kann.
-phorus-
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Re: Beide Beine real direkt an der Hüfte amputiert ...

Beitrag: # 27782Beitrag -phorus- »

Hallo,
so wie der Begriff "Wunsch" ja ungenau ist, so ungenau ist das auch mit "freiwillig" und "wollen".
Was hier "Wunsch" heißt, ist ja eher ein inneres Drängen, ein Bedürfnis, der Ausdruck einer Inkongruenz.
"freiwillig" ist dieser ebensowenig als dass er ein Zwang ist: Für BID hat sich niemand entschieden, ebensowenig wie z.B. für Hetero-sein. Ich kann lediglich entscheiden, wie ich meine individuelle Situation sehe, evt. auch, was ich aus ihr mache. "Wollen" kann man dann vielleicht übersetzen mit "Akzeptanz gegenüber dem, was (noch nicht) ist" - also in dem Sinne: "...für mich wäre es (schon jetzt) in Ordnung, wenn..."
Mike
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Re: Beide Beine real direkt an der Hüfte amputiert ...

Beitrag: # 27783Beitrag Mike »

Gut geschrieben phorus!
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