Zwischen zwei Welten

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Doppelt-Hüftex63
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Registriert: Do 5. Jan 2023, 13:02

Zwischen zwei Welten

Beitrag: # 27709Beitrag Doppelt-Hüftex63 »

Hallo in die Runde,

ich stelle mich mal kurz vor, warum ich mich hier angemeldet habe: ich bin männlich, gerade 63 Jahre „alt“ geworden und lebe in Süddeutschland. Wie ich mich inzwischen so eingelesen habe, darf ich mich vermutlich auch zu den Leuten mit persönlicher BID-Thematik dazurechnen. Eigentlich dachte ich früher mal, dass ich eher zur Fraktion Amelo/Mancophile (lt. Definition von I.Martin) gehöre, was sicher in großen Abschnitten meines Lebens zutraf. Dennoch in meiner biographischen Gesamtschau wäre das vermutlich eine ziemlich verengte Sichtweise. Irgendwie kann ich mich evtl auch hier "einsortieren". Vielleicht ist das auch garnicht so wichtig, aber in unserem Land braucht man halt Schubladen ...

Ich meine, es ist für mich zumindest schwierig, hier eine scharfe Grenze zu definieren, da es meiner persönlichen Erfahrung nach in diesem gesamten Bereich diverse Berührungspunkte und Überschneidungen gibt. Wenn ich mal in der Eigenerinnerung gaaanz weit zurückspule und in meinen Erinnerungsarchiven krame, gab es bei mir schon im Alter ab ca. drei Jahren aufwärts mehrere sog. "Schlüsselerlebnisse", welche nicht nur meine Zugeneigtheit zu Menschen mit körperlichen Behinderungen stark geprägt hatten, sondern mir auch erste Gefühle und Wünsche beschert hatten, selbst auch eine Behinderung haben zu wollen. Eigentlich waren diese sog. „sightings“ aus heutiger Sicht betrachtet, meine ersten bewussten Einstiege in beide Phänomene - Mancophile und BID gleichermaßen gewesen: zum einen die Faszination welche Leute mit Amputationen oder irgendwie anderweitig fehlenden, deformierten oder nicht funktionierenden Gliedmaßen aller Art auf mich ausgeübt hatten und andererseits der damals schon aufkeimende eigene Wunsch, selbst zu dieser präferierten Menschengruppe dazugehören zu dürfen.

In der Kindheit und Jugendzeit war dies alles aber noch nicht sehr ausdifferenziert und entwickelt gewesen. Obwohl ich mich gut erinnern kann, auch damals auch schon „pretendet“ zu haben - ich simulierte entweder einarmige Menschen, was recht einfach war (Arm ins Hemd stecken) oder aber am Liebsten schon Einbeinige, was als Kind schon schwieriger war darzustellen, mangels richtiger Krücken. Aber passende Stöcke zu basteln ging ja auch. Und ein Bein hochzubinden und in die Hose zu stecken, war auch nicht schwer. Sogar doppelt beinamputiert zu spielen ging, was ich besonders gerne machte. Letztlich war das schon ein Vorgriff auf meine heutige Interessenslage. Interessante Feststellung war dabei, dass die meisten Spielkameraden*innen solche „Spiele“ nicht mitmachen wollten bzw. das alles zumindest seltsam fanden. Auch meine Eltern regten sich ziemlich auf und erklärten mir, dass „man sowas nicht machen darf“, weil man gefälligst froh zu sein hatte, noch komplette Gliedmaßen zu haben. Heute ist mir diese damalige Begründung eher noch verständlich, dass man sagte, dass sich solche „Spiele“ nicht gehörten, vor allem, weil es damals noch relativ viele Kriegsversehrte gegeben hatte, die sich mit ihren knarzenden Holz-Prothesen, auf ledernen Rutschkissen oder riesigen Rollwagen vorwärts bewegten. Und die erste Polioseuche rollte auch schon durchs Land.

In der Grundschule hatten wir dann auch prompt in meiner Klasse einen Jungen mit Polioschäden an den Beinen und den damals unvermeidlichen ledernen Beinhülsen und verchromten Metallschienen und zwei Krücken! Was habe ich den beneidet, so wollte ich auch unbedingt daherkommen! Natürlich habe ich mich mit ihm angefreundet. Leider war er oft krank und musste in Heilkliniken zur Kur.

Auf jeden Fall lernte ich damals nebenher schnell, dass es wohl ratsamer war, meine Faszination bzgl. körperlicher Behinderungen lieber für mich zu behalten, was ich jahrelang auch konsequent praktiziert hatte. Wer mag schon immer als seltsam und schräg auffallen. Dennoch war der Samen für das heute schon gelegt und aufgegangen. Wobei es von Anfang an so war, wenn ich mich zu den BIDlern zählen will, dann sind es bei mir ausschließlich immer meine Beine gewesen, welche betroffen sind. Zuerst war es nur das linke Bein, das ich am liebsten ganz entfernt haben wollte, am Besten mit einem Kurzstumpf, welcher nicht prothesenfähig sein sollte - wenn schon, denn schon. In dieser Hinsicht war ich immer schon kompromisslos gewesen. Im Lauf der Jahre erweiterte sich das Phänomen. Folglich war der starke Wunsch entstanden, und darum wollte ich doppelt oberschenkelamputiert sein, mit einer Kurzstumpfversorgung ohne Prothesen und im Rollstuhl.

Um es jetzt etwas abzukürzen: Was hat das alles nun mit meinem BID zu tun? Subjektiv ziemlich viel. Denn meine heutig aktuell bestehende Wunschprojektion entweder radikal ein Ohnbeiner (beidseitige Hüftexartikulation, Rollstuhl, keine Prothesen, dafür Beckensitzkorb mit Minihandkrücken) zu sein oder zuletzt noch besser, zwei ziemlich kurze, deformierte Beine mit verkrüppelten Spalt-/Klumpfüßen zu haben, mit denen ich kaum mehr laufen kann und mich nur mithilfe von Achselkrücken, Orthesen oder Rollstuhl fortbewegen zu können, hat sich seit damals stetig fortentwickelt. Also das ist der derzeitige Stand meines Prozesses. Eine Realisierung strebe ich heute aber nicht mehr an, denn ich fühle mich leider schon etwas zu alt dazu und habe mich mit mir und meiner Veranlagung, Erkrankung (?), Prädispostion, Präferenz oder wie man es auch nennen mag, längst schon abgefunden und versöhnt. Ich habe das offenbar als Aufgabe zugeteilt bekommen und bin so geworden und komme inzwischen ganz gut damit klar. Dennoch ist es ein täglich präsentes Thema, aber es ist keine bleischwere Belastung mehr, wie in ganz früheren Zeiten. Außerdem wissen meine wichtigsten Bezugspersonen (Partnerin) Bescheid und haben zum Glück auch kein beonderes Problem damit. Wäre ich allerdings um Einiges jünger, reicher und wagemutiger würde ich aber vielleicht doch schauen, ob da noch was in Richtung Bodymodification zu erreichen wäre. Der Reiz wäre auf jeden Fall vorhanden. Aber auch hin- und wieder zu Pretenden oder sogar Photoshop kann etwas Entlastung bringen ...

So, das sollte erstmal für den Einstieg reichen. Mal sehen, ob mein etwas deviantes Thema überhaupt von Interesse ist.

Beste Grüße an alle Sehnsüchtigen, haltet durch!
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AdrianausdemOdenwald
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Re: Zwischen zwei Welten

Beitrag: # 27731Beitrag AdrianausdemOdenwald »

Hi und Willkommen, was ich sagen wollte war das ich als ich klein war auch mein Pretenden in das Spielen mit anderen Kindern integriert hatte wobei das zum Glück meine Eltern nicht richtig mitbekamen zum Simulieren eines "Holzbeins" hab ich ein Verkehrshütchen genommen und natürlich bevorzugt Pirat gespielt weshalb meine Eltern einach nur gesagt haben das ich es lassen soll da es dem Fuß schaden könnte ^^'
Hier könnte eine Signatur stehen!
-phorus-
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Re: Zwischen zwei Welten

Beitrag: # 27736Beitrag -phorus- »

Willkommen! Man kann mal wieder sehen, dass dieses "Bäh. Sowas macht man nicht!" mehr Schaden anrichtet als die Sache selbst. Leute, die solche Spiele verbieten wollen, haben ja doch vor allem selbst ein Problem. Das wird dann auf die Kinder abgewälzt. Dabei würde ein spielerischer Umgang die Sache schon oft entschärfen, sie würde nicht "unterirdisch" wachsen, quellen und drücken müssen. Entweder verliefe sie sich im Sande, weil sie "ausgelebt" ist, oder aber es würde frühzeitig Klarheit auch in die andere Richtung hergestellt.
Nun, ich hatte mit meiner Schwester auch immer sehr gern "Beinabmachen" gespielt, wobei ich immer der "Beinabmacher" war. Zensiert wurde das elterlicherseits nie, aber doch kam dann irgendwann diese dämliche Scham. Woher kommt sie? Wie wird man sie nachhaltig los? Es gibt doch für uns absolut keinen Grund, sich zu schämen! Wir tun es aber. Und diese Scham ist schlimmer als alles andere, z.B. sie hält uns auf. Und oft sind die Menschen um uns herum damit viel pragmatischer als wir selbst. Klar, es betrifft sie ja nicht direkt. Ja: wirklich VERSTEHEN können sie es nicht, aber dass wir uns so sehr wünschen, VERSTANDEN zu werden, scheint mir ein Teil unserer Scham. Erst dann, glauben wir, wenn wir VERSTANDEN würden, könnten wir der Liebe und der Freundschaft trauen, die uns entgegengebracht wird. Bei anderen Themen ist das aber nicht so.
Das Jahr ist erst 2 Wochen alt - alles Gute und viel Mut uns allen!
Doppelt-Hüftex63
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Re: Zwischen zwei Welten

Beitrag: # 27738Beitrag Doppelt-Hüftex63 »

Hallo,
offene Fragen gibt bei unserem Thema viele und ich glaube, das wird auch so bleiben. Tja, werter „phorus“, deine Überlegungen zum Thema „woher kommt die Scham?“ sind recht interessant zu lesen und zu überdenken. Zutreffend ist vermutlich schon, dass die sich bzgl. des Anblicks von Menschen mit Handikaps sich schämenden Erwachsenen mit diesem Thema ein persönliches Problem mit sich herumschleppen, in dem Sinn, „wie verhalte ich mich dazu „richtig“, was darf man sagen, tun etc. und was ist unangemessenes“ Verhalten? Aber das ist ja nichts Neues, wobei ich mich immer mal wieder frage, woher diese Unsicherheit oft tatsächlich kommt. Meines Erachtens kommt das hierzulande zum Beispiel davon, dass wir selten von klein auf gelernt haben, die Tatsache, dass jemand anderes aufgrund einer körperlichen Behinderung dadurch gewissen Einschränkungen unterworfen ist und je nach dem, welche Behinderung es ist, als „normales“ alltägliches Phänomen zu betrachten. Und weil das so ist, dürfen Kinder „soetwas“ keineswegs als Spielthema verwenden, weil viel zu ernst, zu schlimm und überhaupt, was würden die Nachbarn dazu sagen! Dass Kinder manchmal Dinge oder Prozesse nachbilden oder nachmachen, um diese zu verstehen, kann hier dennoch als übliches Verhalten durchgehen, denke ich mal.

Ganz oft stößt man ja leider immer noch auf die alte hartnäckige Einstellung, dass das Vorhandensein eines körperlichen Handikaps pauschal als etwas „ganz furchtbar Schlimmes, Grauenhaftes, Abzulehnendes, Häßliches, kaum zu Bewältigendes“, zu sehen ist, sowie Behinderung als Stigma und manchmal auch als Grund bzw. Vorwand für eine Zurückweisung oder soziale Degradierung benützt wird („.. ach Gott, der arme Mann hat ja garkeine Beine und kann nie mehr einen Schritt gehen!“, „... diese tapfere Frau meistert ihr Leben trotzdem sie im Rollstuhl sitzt!!“) etc. Das mag im Einzelnen ja stimmen, was mir auf den Zeiger geht, ist oft die Pauschaliserung! Man bleibt dabei nicht auf der Sachebene, es wird gewertet, ettikettiert, schicksalhaft einsortiert und dann gerne mal als abzulehnen abgehakt. Man will „mit sowas“ lieber nichts zu tun haben. Behinderte könnten ja Probleme machen. Wenn dann noch jemand kommt und erklärt „ich habe BID und möchte meine Beine weghaben, weil ich mich erst dann als ganzer Mensch ident fühlen kann“, dann setzt es meist ganz aus. Ok, ok, nix Neues ...
Wobei ich interessanterweise aus Erfahrung sagen kann, dass, wenn ich meine persönliche Projektion als Ohnbeiner leben zu wollen mit bestimmten Personen besprochen hatte, die selbst seit vielen Jahren bzw. Jahrzehnten aus verschiednen Gründen ihr Leben im Rollstuhl zu verbringen haben, dass sich dabei nicht sofort automatisch ein negativ abwertender Abwehrreflex ergeben hat. Von BID hatte keine dieser Personen zuvor je etwas gehört („Hä, was is´n das?“). Vielleicht zwei Drittel sahen mein Ansinnen tatsächlich sehr kritisch und fanden es leicht bis ziemlich verrückt oder aus ihrer eigenen Betroffenensicht als nicht nachvollziehbar. Aber ich wurde deswegen nicht als Mensch abgelehnt. Ein kleinerer Teil hatte jedoch Näheres zu BID wissen wollen. Zu meiner Idee einer potentiellen Realisierung hatten übrigens alle abgeraten. Ich kann das aber verstehen bzw. nachvollziehen, denn alle vorgenannten Personen kannte ich ja seit Jahren und wusste von den jeweiligen Problemstellen im Alltag. Sie alle benützten den Rolli gezwungenermaßen, sie hatten aber leider keine andere Wahl gehabt (L4 Quersch., Polio, 2x Beinamp.). Und ich war mir schon im Klaren gewesen, dass sie alle sagten, was ich vorhätte oder mir wünschte, wäre eine wahre Megaherausforderung, sch...anstrengend und es würdewohl eine lange Zeit brauchen, bis ich psychisch und physisch mich in meine neue Lebensrolle hineingelebt hätte. Auch das wäre letztlich nicht sicher. Es würde wahrscheinlich anders sein, als vorher gedacht. Von den Schmerzen bräuchte man garnicht erst anzufangen. Was ich aber in den Jahren über von diesen Menschen gelernt hatte und schätze, war, das sie mich und meine BID-Projektionen nicht sofort an die Wand stellten und anprangerten, sondern sich wenigestens meine Position anhörten, überdachten und entsprechendes feedback rüberließen. Ich weiß, es gibt hierzu auch unschönere Erfahrungen, aber was soll´s.
Nun gut, wie gesagt an eine Realisierung denke ich inzwischen eher nicht mehr, dennoch finde ich es sehr interessant, wie es anderen mit ähnlicher Disposition damit ergeht oder früher erging.

Eine gute Zeit für alle
2xH.ex.
-phorus-
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Registriert: Di 7. Dez 2010, 22:46
Wohnort: Norddeutschland

Re: Zwischen zwei Welten

Beitrag: # 27781Beitrag -phorus- »

Hallo zurück,
Du triffst es: wenn wir endlich aufhören würden, Körper (welcher Art und Funktionalität auch immer) zu bewerten, wäre selbst aus BID etwas die Druckluft heraus. Schon unsere Begriffe von nicht der Norm (wer hat die eigentlich festgelegt?) entsprechenden Körpern verraten ja eine mehr oder weniger offene Stigmatiserung. Und so betrachtet ("Behinderung") wird erst das Bedürfnis nach einem der individuellen Persönlichkeit bzw. der wahren inneren Identität entsprechenden Körper zu einer Sensation. Haare färben ist normal...
Ja, lasst es Euch - soweit möglich - gutgehen!
Ph.
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