Angehörige... wie spreche ich es an?

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Ella001
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Angehörige... wie spreche ich es an?

Beitrag: # 23540Beitrag Ella001
Mo 20. Jan 2020, 22:07

Hallo in die Runde,
Am Wochenende habe ich Urlaubsfotos und sonstige Bilder am Laptop sortiert und bin auf einen unbeschrifteten Ordner gestoßen, wo Handy Fotos von meinem Mann gespeichert waren.
In diesem Ordner habe ich auch Fotos gefunden die mich total erschrocken haben. Zum Teil waren es Bilder von fremden Menschen mit Amputationen, aber auch Fotos auf denen er sich sein linkes Bein weggeschnürt hatte und mit Krücken läuft.
Ich war geschockt und konnte es gar nicht begreifen. Wir sind seit 17 Jahren zusammen und es gab nie eine winzige Andeutung in dieser Richtung. Durch den Internet Browser Verlauf hab ich festgestellt das er sich täglich entweder Bilder zu Amputation anguckt oder er sich über BIID informiert. Mich erschüttert es das er mir seinen größten Wunsch nicht anvertraut. Wir sind sonst sehr offen in der Kommunikation. Jetzt meine Frage? Spreche ich ihn an auf sein geheimes Doppelleben? Blockiert er es, ist unser Vertrauen zerstört. Überhaupt was ist mit dem Vertrauen mir gegenüber? Ich frage mich täglich ob ich den Mann überhaupt kenne den ich vor 12 Jahren geheiratet habe. Ich würde sogar sein BIID tolerieren und ihn in gewissermaßen unterstützen, aber ob ich ihm noch vertrauen kann?

Über jeden Rat wäre ich dankbar
Grüße
Eure Ella

Markers
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Re: Angehörige... wie spreche ich es an?

Beitrag: # 23541Beitrag Markers
Di 21. Jan 2020, 02:50

Er wird sich denken: wenn ich ihr davon erzähle dann hält se mich für nen Spinner und lässt mich sitzen!! Zusätzlich kommt der Selbstzweifel und evtl.Scham (was stimmt denn mit mir nicht?) !
Da du ja seinen Ordner geöffnet hast und seinen Browserverlauf nachspioniert hast, was er evtl.als Vertrauensbruch sehen könnte, würde ich vorsichtig da rangehen!! Evtl.das du bei Frisör das Thema Biid mitbekommen hast, vielleicht mit einer positiven Grundeinstellung von dir in Form von: 'gibt schon komische Sachen, aber es gibt ja auch Geschlechtsumwandlung, warum nicht?' Und dann schaust wie er reagiert und steigst einfühlsam ein in das was er dazu sag! Oder du hast in einem alten Boulevardmagazin beim Arzt darüber gelesen, oder im TV was davon mitbekommen, oder oder...Aber wie gesagt das du in seiner Datei was gefunden hast das würd ich nicht sagen...
* Body unfinished *

Sommer2018
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Re: Angehörige... wie spreche ich es an?

Beitrag: # 23549Beitrag Sommer2018
Mi 22. Jan 2020, 22:06

Hallo Ella

Das ist echt eine gute Frage. Wenn ihr sonst so offen redet ist es natürlich so, dass ihr euch nach so vielen Jahren gefühlt in und auswendig kennt. Könnte es ggf sein, das er wollte das du die Bilder findest und auch den Verlauf, weil er nicht wusste wie er das Thema .... was auch immer sein Thema ist....ansprechen soll. Ggf hat es aber nicht unbedingt was zu bedeuten und er hatte sich einfach nur mal erkundigt. Es lief letztens ein Bericht über BID in Sat1. Vielleicht hat er es gesehen und im Nachgang recherchiert.

Aber klar wenn er selbst davon Bilder von sich hat....ist für die Betroffenen selbst auch sehr belastend und für diese selbst nicht zu erklären was da in ihnen vorgeht wenn sie dem Druck damit versuchen zu lindern. Denke da werden dir hier einige dies bestätigen können .

Die Frage ist eben bei sowas immer, wie er es aufnimmt wenn er denkt du hast "geschnüffelt" statt ihn zu fragen. Immer schwierig da Pauschal eine Antwort zu geben. BiD ist ein ganz sensibles Thema und die Betroffenen gehen damit unterschiedlich um. Aber wie auch immer. Hoffe ich konnte dir mit meinen Zeilen helfen.

Lg Anita

LAK1210
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Re: Angehörige... wie spreche ich es an?

Beitrag: # 23557Beitrag LAK1210
Fr 24. Jan 2020, 22:37

Hallo Ella,

die Frage ist nicht einfach zu beantworten.
Vielleicht schaust Du Dir ein paar Interviews oder Filme mit Betroffenen an (s. Unterforum Literatur/Filme usw.) und erzählst ihm einfach in einer ruhigen Stunde, was Du da gesehen hast (natürlich ohne Verweis auf dieses Forum). Wenn Du der Sache offen gegenüberstehst (das ist natürlich eine Voraussetzung), erkennt er vielleicht, dass er, wenn er sich Dir öffnen möchte, eine Chance ergreifen kann, sich Dir gegenüber zu outen.
Aber sage ihm bitte nicht, dass Du die Bilder entdeckt hast. Das bleibt besser Dein Geheimnis.

Liebe Grüße vom LAK

-phorus-
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Re: Angehörige... wie spreche ich es an?

Beitrag: # 23560Beitrag -phorus-
Sa 25. Jan 2020, 19:50

Hallo Ella, hm, nicht einfach, die Situation!
Man kann es natürlich so sehen, dass beiderseits da hart an eine Vertrauensgrenze gegangen wurde.
Nun bist Du sozusagen einen Zug voraus, weil Du sowohl von Dir als auch von ihm weißt, was er aber nicht wissen kann.
Daher ist es brechtigt, dass Du Dir Gedanken machst, wie Du damit umgehst - und letztendlich Ihr damit umgeht.
Möglicherweise diente seine Recherche auch der Suche nach einer Aufklärungsmöglichkeit gegenüber Dir?
Dass Du über all die Jahre so gar keine Anzeichen von seinem Interesse bemerken konntest, zeigt ja nur, wie groß die Not bei ihm ist (und diese Not kennen hier viele Leute!). Hat jemand den rechten Zeitpunkt des Outens verpasst, wird es immer immer schwieriger. Wenn jemand von sich aus von BIID erzählt, hat dieser den Vorteil, dass der evt. schockierende Fakt hinter dem Geschenk des Vertrauens etwas verblasst. Da hat Dein Partner es nun schwer...
"Vertrauensbruch" und "Doppelleben" sind für mich allerdings zu gewaltige Vokabeln, die machen jetzt nur noch zusätzlichen Druck. Was (beiderseits) auch immer damit aktuell gemeint sein will, ist es doch nur der Ausdruck von einer großen Not. Und da finde ich, ist Deine (wenn schon nicht ganz klein, so doch) kleiner als seine.
Ich kann den Antworten, die hier schon geschrieben wurde, viel abgewinnen.
Wenn Du ihn liebst (das deutet sich ja an mit Deinem Satz: "Ich würde sogar sein BIID tolerieren und ihn in gewissermaßen unterstützen..."), dann geht es ja "nur" noch um das Wie der Kommunikation. Also kannst Du Brücken bauen. Frage: sprichst Du immer über Deine tief innersten Bedürfnisse? Ob ja oder nein, ist gar nicht relevant, man kann diese Frage in jedem Fall zum Thema eines Gespräches machen. Und wenn Ihr das umrundet habt, dann kann es konkret werden. Das kann dann sogar spielerisch werden ("Heute sage ich Dir mal 'was, das habe ich noch nie jemand verraten..."). Am Ende kannst Du möglicherweise zwecks endgültigem Abbau von Heimlichkeiten auch von Deiner Entdeckung erzählen. Evt. kämst Du sonst in Erklärungsnot, warum Dich das BIID-Thema dann gar nicht mehr so schockt, obwohl Du doch gerade "eben erst" das allererste Mal davon gehört hast...
Vor allem hoffe ich, dass die eine oder andere Anregung aus den Antworten hier Dir etwas nützt beziehungs(!)-weise Euch etwas nützen. Vielleicht fällt Dir damit im Hinterkopf auch noch etwas besseres ein. Alles Gute, viel Glück!
Phorus

mario
Beiträge: 62
Registriert: Mo 26. Mär 2012, 20:32

Re: Angehörige... wie spreche ich es an?

Beitrag: # 23564Beitrag mario
So 26. Jan 2020, 14:52

liebe ella,
also ich würder ihn ab und zu mal auf das gespräch zum thema amputation lenken. so ganz nebenbei über einen bericht im fernsehen oder in der zeitung reden. wenn du das behutsam machst wirst du merken wie er reagiert. vieleicht spricht er ja dann von ganz alleine über das thema. ich selber bin von bid betroffen und hab lange gebraucht bis ich mit meiner frau darüber gesprochen hab. irgenwan hab ich ihr selber mal eine andeutung gemacht. später hat sie mal eine post für mich angenommen, wo ein rollstuhl drinne war. ab da haben wir öfters über das thema gesprochen. letzte woche war ich dann in zürich zu einer bid studie da habe ich vorher und nachher mit ihr intensiver über das thema geredet und ich hab ihr anschließend auch erzält wie ich mich bei der studie gefühlt habe. ich denke als betroffener ist es schon eine große entlastung wenn man darüber sprechen kann. vieleicht hilft es ja auch deinem mann. mir hilft es.
lg mario

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