Die Gedanken sind da, aber ohne Belastung

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Pfannkuchenkind
Beiträge: 2
Registriert: Mi 1. Jan 2020, 18:18

Die Gedanken sind da, aber ohne Belastung

Beitrag: # 23417Beitrag Pfannkuchenkind
So 5. Jan 2020, 14:56

Hallo liebe Forenteilnehmer,

Ich bin mir nicht sicher in wie weit ich hier bei euch richtig bin.
Vielleicht die leichte Kost vorne weg. Im klaren Bezug zu BIID würde ich sagen bin ich auf jeden Fall Angehöriger.
Eine Freundin hat sich bei mir geoutet, leider gefühlt viel zu spät. Einfach weil ich das Gefühl habe das wir gemeinsam eine für sie erträglichere Situation hätten schaffen können. Sie darf bei mir sein wie sie ist, durfte sie schon immer, und ich hoffe das wir nun auch für sie ein psychisch freieres Leben hin bekommen.

Dann jetzt zu mir und die etwas schwere Kost.
Wie besagte Freundin sich bei mir geoutet hat, musste ich ihr sagen das mir dieses Thema an und für sich nicht fremd ist.
In meiner Kindheit und Jugend hatte ich häufig den Gedanken wie es denn wäre im Rollstuhl zu sitzen. Habe mir auch ausgemalt welche Aktivitäten ist trotz, oder erst recht mit dem Rollstuhl ausüben würde. Gleichzeitig hatte und habe ich auch heute nicht den Druck diese Erfahrung wirklich zu machen.
Bei uns in der Gegend gab bzw. gibt es eine Blindenschule mit Internat. Dort hielt ich mich damals als Kind häufig auf. Hatte viel Kontakt zu den Blinden und Mehrfachbehinderten Kinder. Dann habe ich mir lange Zeit vorgestellt wie es wäre Blind zu sein. Mache das auch heute noch, das ich ab und zu einfach die Augen schließe und mich auf diese Art fort Bewege. Aber auch dazu besteht kein tiefer Druck oder das Bedürfnis das dies Endgültig sein sollte. Im Gegenteil. Ich kann mir nichts schlimmeres Vorstellen als auf einmal nichts mehr zu sehen.

Wie man raus liest war und bin ich in gewisser Weiße von Behinderungen und Einschränkungen fasziniert, genieße aber auch mein uneingeschränktes Leben.

Ich bin aber noch nicht am Ende.
Auch Gehörlosigkeit ist ein Thema das mich derart Beschäftigt das ich seit einem Jahr Gebärdensprache lerne. DIese wollte ich auch schon in meiner Jugend lernen, hatte aber über Jahre nicht die Möglichkeiten dazu. Nicht nur das die Gebärdensprache an sich faszinierend ist, sondern wenn ich Menschen Gebärden sehe, dann habe ich selber das Gefühl Gehörlos zu sein. Und dieser Wunsch ist aktuell auch am Stärksten vertreten. So gerne wie ich Musik höre und mich mit anderen Menschen unterhalte, genau so stark habe ich das Bedürfnis das alles einfach Ausschalten zu können. Nichts mehr hören. Endlich Ruhe.
Mich Beschäftigt auch die Phantasie, wenn mir einer jetzt die Pistole auf die Brust setzt und sagen würde, ab sofort musst du eine Behinderung tragen, dann würde ich mich ganz klar für Gehörlosigkeit entscheiden. Bin aber wie gesagt nicht in dem Druck oder in der Belastung, das ich mir jetzt selber die Ohren kaputt machen würde.

Ihr denkt euch jetzt wahrscheinlich, Naja gut ist halt ein Springer, der von einer Sache zur anderen springt.
Ich bin mir auch nicht sicher in wie weit das etwas mit BID zu tun hat oder ob ich einfach nur eine Schraube locker hab.
Mit den Lockeren Schrauben gehts aber noch viel weiter.

Ich mein ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste. In fast 42 Jahren kann sich so einiges Ansammeln im Kopf.

Nachdem ich auch nicht weiß wie lange und wie viel ich hier im Forum anwesend sein werde dachte ich, bekommt ihr jetzt einfach gleich am Anfang das gesamte Paket zu lesen, damit es später nicht heißt ich wäre ein Faker oder Tastenspinner. Das bin ich nämlich nicht, dafür hab ich auch gar keine Zeit und keinen Nerv. Es sind einfach Gedanken die Immer wieder Aufkommen und nun im Zusammenhang mit der Freundin natürlich auch öfter wieder Thema werden und präsenter sind.

Drum mach ich jetzt einfach mal weiter.

Mein Bruder war Schreiner und ist selber mal in die Kreissäge gekommen. Er hat sich nur die Fingerkuppen abrasiert. Also es ist zum Glück nicht viel Passiert. Seit dem Beschäftigt ihn der Gedanke das ganze noch einmal ganz Bewusst zu erleben. Sprich bewusst in die Kreissäge rein greifen. Nach diesem seinen Unfall hatte ich selbst auch immer wieder den Gedanken wie es wäre einen Finger oder eine Hand (aber bitte nur die linke, weil ich bin ja Rechtshänder) so zu verlieren. Jedoch ist es eher der Gedanke an den Verlauf der mich Beschäftigt und weniger die Vorstellung was es Bedeutet ohne die Hand leben zu müssen.
Ein Ähnlicher Gedanke überkommt mich auch beim Arbeiten mit der Kettensäge. Eben jene Vorstellung mit dieser Abzurutschen und einen Unterschenkel auf diese Art und Weiße abzutrennen.

Womit wir jetzt zum letzten Teil kommen.
Jetzt wirds schwierig, weil eben auch Grenzwertig. Habe aber das Gefühl auch darüber schreiben zu müssen.
Ich habe eine Zeit lang im Medizinischen Bereich gearbeitet. Interessiere mich auch schon immer dafür. Ich kann mich daran erinnern das ich als Kind immer davon Geträumt hatte Arzt zu sein. Ein Arzt der Operiert, der hilft und auch amputiert.
Heute ist das Medizinische Wissen größer, und die Gedanken und Vorstellungen sind ausgereifter. Wie ich verschiedene Gliedmaßen Amputieren würde. Nicht bei mir, sondern bei anderen. Dann kommt die Vorstellung wie das ganze Aussehen würde und wie die Schnittführung sein müsste um zum einen das Ästhetisch schönste, wie auch Funktional beste Ergebnis zu erhalten.
Ich möchte dazu aber Betonen das ich keine Erotischen Gedanken dabei habe, sondern es eher von der Wissenschaftlichen Seite her betrachte.

Im großen und ganzen wird das alles mit BIID wenig zu tun haben. Oder doch? Ist es eine Unterform? Wo liegen die Grenzen, wo verschwimmen sie?

Danke fürs lesen.

Gruß
Das Pfannkuchenkind

Miriam663
Beiträge: 26
Registriert: Do 2. Jan 2020, 17:47
Wohnort: München

Re: Die Gedanken sind da, aber ohne Belastung

Beitrag: # 23418Beitrag Miriam663
So 5. Jan 2020, 15:13

Hallo

Ich habe deinen Text gerade gelesen und deshalb möchte ich dir auch antworten. Ich bin auch erst seit kurzem hier und hatte mich davor immer nur überwiegend mit mir selbst und diesem Thema beschäftigt. Ob das wirklich BIID ist kann ich dir zumindest auch nicht sagen, aber hier gibt es sicher viele die zu diesem Thema schon etwas mehr wissen. Wünsche dir auf jeden Fall alles Gute.
Lg Miriam

-phorus-
Beiträge: 342
Registriert: Di 7. Dez 2010, 22:46
Wohnort: Norddeutschland

Re: Die Gedanken sind da, aber ohne Belastung

Beitrag: # 23422Beitrag -phorus-
Mo 6. Jan 2020, 23:13

Liebes Pfannkuchenkind,
interessanter Name und interessante Themen. Besonders das letzte von Dir angesprochene. Meiner Ansicht hat das Thema sehr wohl mit BID zu tun, wenn man es als das Phänomen betrachtet, über Körpergrenzen im unklaren zu sein, d.h. mit den üblichen Definitionen von Körpergrenzen nicht klar zu kommen. Viele (vielleicht sogar die meisten) Menschen wissen, wo sie anfangen und wo sie aufhören. Naja, oder glauben es zu wissen – denn ist das eigentlich so klar?

Sind Haare und Nägel nicht auch ein allmählicher Übergang vom eigenen Körper zur Umwelt? Ein gelähmter Körperteil, der zwar verbunden ist mit dem Körper, aber nicht oder anders wahrgenommen wird als der "funktionierende" Körper? Das, was wir an Ausscheidungen beabsichtigen, loszulassen? Unsere Mikororganismen, ohne die wir nicht leben könnten, die aber "dazugehören" und von denen wir nichts merken, obwohl es, technisch-biologisch betrachtet, andere Organismen sind als unser eigener? Und dann gibt es hier viele Leute, die ein fest verwachsenes Teil wie beispielsweise einen Arm oder ein Bein als fremd empfinden, d.h. die Grenze VOR diesem Teil zu erkennen glauben – zuweilen klarst definiert. Oder die Sinne, die die Körpergrenzen überwinden helfen, z.B. das Hören, wo die wie die Ohren den Schall hineinlassen, oder das Sehen, wo die Augen das Licht hineinlassen. Ab wann, ab wo und bis wohin ist dies „eigener Körper“? Ist eine Konfusion darüber denn wirklich so eine Sensation? Also: Das kann man durchaus alles zusammen denken.

Ist da die Faszination der Körpergrenzüberwindung durch Chirurgie nicht eine logische Fortsetzung?
Wäre da auch die Integration von Körperteilen anderer in den eigenen körperlichen Erlebnishorizont eine immerhin noch denkbare Fortsetzung?
Ist das Interesse an einem „Vorher“ und „Nachher“ und dem Weg dazwischen dann nicht ebenso nachvollziehbar? Ist der Prozess nicht ebenso interessant, wenn nicht interessanter, als jedweder „Zustand“? Und wenn wir über diesen reden: Kann nicht auch BEIDES interessant sein, also sowohl der „verbliebene“ Körper als auch das abgetrennte Teil?

Eine „Leidensgenossin“ unter uns switchte zu eigenen Überraschung von „gelähmt-sein-Müssen“ in die „Amp.-Fraktion“, wollte aber doch die losgelösten Teile unbedingt bewahren und behalten – wie vorher auch schon, bloß ohne Amputation...
Also, da gibt’s reichlich Diskussionsstoff und Chancen zu frischen Sichtweisen. Herzlich willkommen!

Damit Du weißt, warum ich darauf anspreche, bitte ich Dich, meine eigene Vorstellung einmal zu lesen:
viewtopic.php?f=9&t=110&p=613#p613
Viele Grüße!
-phorus-

Pfannkuchenkind
Beiträge: 2
Registriert: Mi 1. Jan 2020, 18:18

Re: Die Gedanken sind da, aber ohne Belastung

Beitrag: # 23433Beitrag Pfannkuchenkind
Di 7. Jan 2020, 15:34

-phorus- hat geschrieben:
Mo 6. Jan 2020, 23:13
Liebes Pfannkuchenkind,
interessanter Name und interessante Themen.

Damit Du weißt, warum ich darauf anspreche, bitte ich Dich, meine eigene Vorstellung einmal zu lesen:
viewtopic.php?f=9&t=110&p=613#p613
Viele Grüße!
-phorus-
Hallo Phorus

Vielen Dank für dein Feedback. Leider kann ich den Link nicht öffnen denn es ist mir derzeit nicht möglich diesen Forenbereich zu lesen.

Ich bin mir auch nicht so sicher welcher Forenbereich für mich aktuell der Interessantere oder wichtigere ist.
Wie gesagt sind bei mir ab und an Gedanken vorhanden, jedoch erlebe ich keinen Leidensdruck, so wie ihn andere hier beschreiben.
Vielmehr beschäftigt mich dieses Thema aus der Sicht von Angehörigen. Meine eigenen Gedanken zu diesem Thema wurden mir eben auch erst durch meine Bekannte erst richtig Bewusst gemacht. Momentan versuche ich viel mehr ihre Gedanken und Gefühlswelt zu verstehen und meinen Umgang mit dem Thema eine orientierung zu geben.

Vielleicht Spiele ich mit mir selbst nur das Spiel: Wenn ich mich um die Belange anderer kümmere, dann kann ich meine Eigenen erst einmal wieder hinten anstellen und brauche mir darüber keine Gedanken zu machen.

Ich muss hier auch schon wieder Enden. Zu viele Gedanken schießen mir auf einmal durch den Kopf.

Danke nochmal, auch an Miriam

Leontinchen
Beiträge: 9
Registriert: Sa 23. Nov 2019, 16:28

Re: Die Gedanken sind da, aber ohne Belastung

Beitrag: # 23479Beitrag Leontinchen
Sa 11. Jan 2020, 18:22

Hallo Pfandkuchenkind,
Dieses Gefühl hatte ich auch, bin ich richtig hier, oder nicht?
Unterdessen würde ich sagen, egal, in welche Schublade mich jemand steckt, aber ich bin dankbar, auf dieses Forum gestossen zu sein. Bin sozusagen ein verkehrter Augen-Biid-ler, also mit leichter visueller Behinderung, und zufrieden damit.
Trotzdem beschäftigt mich das Thema Rollstuhl schwer. Habe keinen, aber ob ich ev. Einen möchte, wenn mein Rheuma-Zeug schlimmer würde: ja gern, bitte, hellblau lackiert.
Lg

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Drehkasten
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Re: Die Gedanken sind da, aber ohne Belastung

Beitrag: # 23486Beitrag Drehkasten
So 12. Jan 2020, 16:25

Hallo Pfannkuchenkind,
gerade habe ich Deinen Beitrag gelesen. Interesse an Behinderten könnte auch Mankophilie sein. Du schreibst zwar, dass Du Dir vorstellen könntest auch selbst gehörlos oder vielleicht blind zu sein, aber mir fehlt da das starke Bedürfnis, das andere BID-Betroffene äußern, um ihren äußeren Körper an den mental vorhandenen Ideal-Zustand anzugleichen. Bei Dir hört sich das nicht so sehr nach wirklichem Leiden an, sondern eher nach Interesse, wie es so wäre, wenn...

Aber vielleicht habe ich auch das Falsche in Deinen Zeilen gelesen. Für echtes BID halte ich das im Moment nicht (oder noch nicht).

Hast Du denn wirkliches Interesse daran, bei jemandem eine Amputation durchzuführen oder würdest Du nur zuschauen wollen? Das wäre eine ganz andere Kategorie.

Liebe Grüße


Drehkasten

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